Kinder der digitalen Revolution Was aus der Generation von Instagram-Kindern werden könnte

In den letzten Monaten verkündete nahezu im Minutentakt eine Bloggerin nach der anderen, dass sie schwanger sei. Bibi und Bonnie bedienen den deutschen Markt mit Posts rund um ihre Schwangerschaft, in den USA werden währenddessen schon Live Schaltungen via Instagram gestartet: Dawson’s Creek Star James Van Der Beerk zeigte sein fünftes Kind noch mit Plazenta und blutverschmiert. Geht’s noch?

Aber mal Spaß beiseite oder besser reden wir mal Tacheles! Eltern sind erziehungsberechtigt und gleichwohl zur Fürsorge ihrer Kinder verpflichtet, aber was sollen Kinder oder Babys machen, wenn ihre Eltern sie nicht schützen? Grundsätzlich schaltet sich das Jugendamt in Fällen ein, in denen das Kindeswohl gefährdet scheint. Ein Foto zu machen oder die Kamera 24/7 auf den „geliebten“ Nachwuchs zu halten, tut aber niemandem weh und richtet meistens im Moment der Aufnahme keinen Schaden an – aber was ist, wenn die Kinder älter werden und merken, dass sämtliche Schritte ihrer Entwicklung und ihres bisherigen Lebens nicht nur Familie und Freunden, später vielleicht auch Schulkameraden und Nachbarn bekannt ist, sondern sprichwörtlich alle Fotoalben ihrer Kindheit mit der gesamten Welt geteilt wurden?

3 Szenarien im Jahr 2036 (dann sind unsere süßen kleinen Lieblinge nämlich alle 18 und volljährig)

Bitter Sweet Eigtheen

 Silver Mars Weber (Name von der Redaktion geändert) hat für ihren 18. Geburtstag im Kitty Chin Chin Club in Cottbus eine große Sause geplant und dazu auch ihre super heißen Freundinnen Valeria Muzzi, Gabriella Polanski und ihren schwulen besten Freund Ticciano Minoselli eingeladen. Die Vierer-Clique trifft sich einige Stunden vor dem großen Auftritt in Silvers mehrstöckigen Luxusapartment und startet das rituelle Pre-Party Programm: Koks, Botox und Champagner – Mama hat heute ausnahmsweise mal zwei lila Scheine springen lassen, die Tochter wird ja nur ein mal volljährig. Daddy Tscheebo chauffiert seine Prinzessin plus Anhang standesgemäß im rosa verchromten Rolls zu der Location, die Meute tobt und alle warten nur auf Silver. Bezaubernd lächelnd, die Beine glatt rasiert und braun gesprüht stiegt sie aus und bahnt sich den Weg durch die Menge. In der Bar herrscht Dunkelheit und gebanntes Schweigen. Silver hält den Atem an, Mommy hat es ihr versprochen „etwas super Persönliches“, ganz für sie allein. Die Lichter gehen an, Feuerfontänen sprühen aus Magnum-Flaschen, die von gestählten Männerarmen balanciert werden und über den Köpfen projiziert ein Beamer Fotos an die Wand: Silvers Augen füllen sich mit Tränen und alles was sie fühlt ist: Leere.

Keeping up with the Laufers

Es war einmal in Amerika, dort lebte eine Familie, die war so perfekt, dass sie es mit der ganzen Welt teilen wollte. Mutter MC Laufer hatte es zu ihrem Ziel auserkoren, die beste Mutter des Landes, wenn nicht sogar der Welt zu sein. Deshalb unterließ sie keine Gelegenheit ihre Zwillingstöchter, Lila und Jenna, die jüngsten Mitglieder des 7-köpfigen Laufer-Clans, in kleine Prinzessinnen zu verwandeln. Wieso erst den Thron besteigen und die Keller mit Gold füllen, wenn die Kinder in der Pubertät sind und schon nicht mehr hören wollen, wie bei den Jardashians, dachte sie sich. Also postete sie fleißig Bilder der schlafenden Lila, Lila und Jenna am Strand in süßen Bikinis, Lila und Jenna streitend, Lila neben der Wachsfigur von Marilyn Monroe posierend. Die Zeit verging, der Reichtum wuchs – Marken und Unternehmen rissen sich förmlich um die beiden Prinzessinnen – und die beiden wurden älter. Lila und Jenna kamen die Geschichten von anderen Prinzessinnen zu Ohren, aus einem mythenbehafteten Land, lang vor ihrer Zeit: Disneyland. Man munkelte, die meisten dieser jungen, unschuldigen Geschöpfe hätten ihren Erfolg nicht auskosten können und ihre Leben hätten traurige Wendungen genommen. Daher beschloss Lila eines Tages, sie waren gerade volljährig geworden, ihre Schwester bei der Hand zu nehmen und weg zu gehen, bereit ihre eigenen Märchen zu schreiben.

(B)IG girls don’t cry

Charlie ist 20, unauffällig gekleidet und ihre Haut weist Narben von Akne auf, ihre Haare trägt sie unter einer Kappe versteckt und ihr Blick ist fahrig, sie schaut einem nicht in die Augen. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrem Vater in einem schönen, unspektakulären Vorort von L.A., Kalifornien. Andere Mädchen in ihrem Alter verbringen ihre Freizeit mit Shoppen, treffen sich mit Freunden am Strand und gehen Abends gemeinsam Pizza essen. In ein paar Monaten machen die meisten ihren Abschluss und Zukunftspläne sind das Thema der Stunde. Doch Charlie ist nicht dabei, wenn die anderen um die Häuser ziehen, das erste Mal knutschen und ihre Bewerbungen an Unis im ganzen Land verschicken. Sie ist die meiste Zeit zu Hause bei ihrer Familie, schaut Netflix-Serien und isst gerne, vor allem wenn sie traurig ist. Als Charlie 2 Jahre alt war, haben ihre Eltern für sie ihren ersten Instagram-Account erstellt. Wenige Monate später hatte sie drei Millionen Follower, das heißt mehrere Tausend Menschen verfolgten über das Internet jeden Schritt des kleinen Mädchens. Charlie mit ihrem neuen Outfit, Charlie wie sie Eis isst, Charlie in New York bei der Fashion Week. Mit 10 Jahren, hunderte Posts später und um zahlreiche Dollar reicher, wollte Charlie nicht mehr. Ihre Eltern ließen sie nicht, woher sollte denn das Geld sonst kommen? Die Marke Charlie funktioniert nicht ohne Charlie. Mit 13 fand sie ihre Mutter im Badezimmer, sie wollte nicht mehr leben. Ihren Instagram Account hat sie gelöscht, aber sucht man Charlie bei Google, findet man noch immer Fotos von einem dauerlächelnden, kleinen Mädchen in sexy Posen mit perfektem Make-Up. Beruf: Influencerin.

Diese drei vermutlich dystopischen Szenarien entsprechen nicht der Realität, sind frei von der Autorin erfunden, orientieren sich aber an realen Persönlichkeiten und Entwicklungen. Sie können als Denkanstoß verstanden werden, der dazu auffordert, sich mit den Risiken und Konsequenzen auseinanderzusetzen, die der Umgang mit Kindern auf Social Media birgt.