„Man ist bei den HERS immer willkommen, solange man den richtigen Spirit mitbringt“ Birgit Amelung im Interview

Birgit Amelung ist Gründerin des 2016 in Berlin gegründeten Frauennetzwerkes HER Berlin. Das Netzwerk gehört zu dem internationalen Netzwerk HER Global Network. Im Interview spricht sie über dessen Besonderheiten und Frauen in der Arbeitswelt.

writingaboutfashion: Was ist HER Global Network?
Birgit Amelung: HER Global Network ist eine urbane Non-Profit-Community, die ihren Ursprung in Stockholm hat und die mittlerweile in 17 Städten weltweit vertreten ist. Wir veranstalten intime Dinner und Events, wo wir Frauen aus unterschiedlichen Branchen zusammenbringen. Dabei geht es uns nicht darum, Businesskarten zu verteilen, sondern um die eigene Person, um einen sehr offenen und ehrlichen Austausch und dass man sich gegenseitig inspiriert und stärkt. Die Frauen im HER-Netzwerk teilen ihre Erfahrungen auf einer globalen Ebene. Die einzelnen Städte operieren zwar auch autark. Aber ich habe die Möglichkeit, wenn ich nach London, New York oder Hongkong fahre, dass ich dort über das Netzwerk Anschluss finde und Tipps bekomme.

Warum ein Netzwerk nur für Frauen?
Aleksandra Avli, eine der HER Global Network Gründerinnen aus Schweden, hat in Brüssel im Parlament gearbeitet. Dort hat sie unter ihren Kolleginnen mit einer extremen Ellbogenmentalität zu kämpfen gehabt. Daraufhin hat sie sich entschieden, Dinge zu verändern und sie setzt sich seitdem dafür ein, dass sich Frauen im beruflichen Kontext gegenseitig stärken und miteinander anstatt gegeneinander arbeiten. Das war letztlich ihr Antrieb, das Netzwerk zu gründen und andere Frauen zu inspirieren.

Die Gründerin von HER Berlin, Birgit Amelung

Was sind Themen, die euch im HER-Netzwerk wichtig sind?
Ein Netzwerk nur für Frauen zu gründen, ist nicht aus einem kämpferischen Gedanken entstanden. Unser Fokus liegt auf einem offenen und ehrlichen Austausch, darin Verletzlichkeit zuzulassen und sich somit gegenseitig zu inspirieren und zu stärken. Es ist immer noch so, dass Gleichberechtigung noch nicht wirklich existiert. Es gibt immer noch viel zu wenig Frauen in Führungsebenen oder in Vorständen. Nach wie vor bekommen Frauen immer noch weniger Gehalt als Männer. Wir wollen gemeinsam etwas bewegen und andere Frauen inspirieren und ihnen Mut machen.

Kann jede Frau eurem Netzwerk beitreten?
Es kann sich jede bei uns bewerben. Wenn die Frauen auf unsere Events kommen, sind sie automatisch HER-Member. Klar sprechen wir eine bestimmte Zielgruppe von Frauen an, aber letztendlich kann jede sich an uns wenden. Wir sind nicht total exklusiv.

Wie nimmt man zu euch Kontakt auf?
Man kann sich ganz klassisch per E-Mail an uns wenden. Wir haben aber auch eine Art Formblatt, das wir verschicken. Das nehmen wir dann auf und laden die Frauen zu unseren Events ein ­– je nach Thema, so dass eine schöne Mischung entsteht.

Muss man einen monatlichen Beitrag bezahlen?
Das Netzwerk ist kostenlos. Wir sind eine Non-Profit-Community. Wir verdienen damit kein Geld. Für uns alle im Team ist das ein Projekt, das wir neben unseren Berufen mit Leidenschaft vorantreiben. Mittlerweile arbeiten wir zu fünft in Berlin, da wir so schnell gewachsen sind. Auch die Events sind dank toller Partner, mit denen wir mittlerweile zusammenarbeiten, für die Teilnehmerinnen oft kostenlos.

Frauen gelten in der Arbeitswelt meistens als Konkurrentinnen. Oft hört man vom Klischee, dass sich Frauen in der Arbeitswelt nicht gegenseitig fördern. Stimmt das?
Lustigerweise habe ich das eher mit Männern zu spüren bekommen. Von Männern, die Angst vor starken Frauen haben und versuchen, einen auszubooten oder Lorbeeren einheimsen für etwas, das sie selber gar nicht geleistet haben. Meiner Meinung nach liegt es aber auch an einem selbst. Auch eine persönliche Unzufriedenheit kann zu einem Ungleichgewicht führen. Ich glaube, es ist immer das, was du selber daraus machst. Was du ausstrahlst, das strahlst du auch zurück. Ganz nach dem Motto „I don’t shine, when you don’t shine“. Also was Du ausstrahlst, das bekommst Du auch zurück. Statt immer Angst zu haben, dass jemand anderes an mir vorbeizieht, sollte man bewusst auch mal einer anderen Frau den Vortritt lassen und schauen, wie sich das anfühlt. Eines unserer Hauptcredos ist „Collaboration instead of Competition“. Also Zusammenarbeit anstelle von Konkurrenzdenken.

Warum entstehen im Moment so viele Frauennetzwerke?
Ich glaube, dass durch bestimmte Debatten und Bewegungen, wie zum Beispiel der Womens March oder die #metoo-Bewegung, etwas losgetreten wurde, was zum Trend geworden ist. Da springen einige drauf. Aber ich glaube auch, dass sich etwas verändert hat im Sinne wie Frauen in Zukunft arbeiten möchten und dass sie ein anderes Selbstverständnis haben, was sie sich wert sind. Dieser Prozess hat sich über die Jahrzehnte entwickelt. Ich denke, dass grundsätzlich das Bewusstsein geschärft wurde, dass viele Frauen sich denken, da muss sich etwas tun. Daraufhin sind dann die ganzen Netzwerke und Clubs, wie zum Beispiel The Wing in New York, gegründet worden und haben eine neue Bewegung ausgelöst. Da muss man aber noch mal differenzieren. Es gibt die rein beruflich orientierten Netzwerke, die kämpferisch und sehr feministischen, und Netzwerke wie HER, wo es auch um mich als Person mit all meinen Stärken, Schwächen und Bedürfnissen geht. In diesen unterschiedlichen Ausrichtungen kann sich jeder wiederfinden. Für Männer gibt es ja auch schon seit Jahrzehnten Clubs zum Networking und Austausch. Da war es höchste Zeit, dass es solche Plattformen auch für Frauen gibt.

Was sind die Ziele eures Netzwerkes?
Ziel ist nicht „The Future is Female”, sondern „The Future is Equal“. Dass man sich auf Augenhöhe mit Männern begegnet. An diesem Punkt sind wir aber noch nicht. Deswegen brauchen Frauen für sich einfach einen Raum, einen „safe space“, um sich selbst zu definieren und zu wachsen – persönlich und beruflich.

Was wären Maßnahmen in der Arbeitswelt, um mehr Gleichberechtigung zu schaffen?
Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Frauen in die Vorstände und Führungspositionen berufen werden. Man braucht auch genau diese Mischung und verschiedene Perspektiven, die eine Dynamik in eine Unternehmenskultur bringen. Was auch ausgeglichen werden müsste, sind die Gehälter und die Vereinbarkeit von Job und Familie. Ich glaube, es wird in vielen klassischen Paarkonstellationen immer noch belächelt, wenn Väter Elternzeit nehmen.

Was macht das Netzwerk so besonders?
Es geht nicht darum, was du machst, sondern wer du bist. Zum Beispiel gibt es bei jedem Dinner eine Vorstellungsrunde und ein Thema des Abends. Letztens in Hamburg war das Thema „My Way“. Dazu wird jede kurz aufgefordert, etwas zu sagen: Was sie gerade umtreibt zum Thema „Mein Weg“, und vielleicht gibt es eine Frage dazu, die man in die Runde werfen möchte. Jede Frau gibt kurz etwas von sich preis. Es geht um sie persönlich und das, was sie gerade beschäftigt. Dadurch entsteht eine ganz besondere, intime und vertraute Atmosphäre. Das Feedback, das wir danach kriegen, ist immer überwältigend.

Was bedeuten dir die Abende persönlich?
Die Impulse und der offene Austausch mit anderen Frauen sind total wertvoll, weil man daran wächst. Das ist das, was wir mit HER schaffen. Ich kenne das auch nicht von anderen Netzwerken. Uns geht es nicht darum, irgendwelche Influencer, Blogger oder Unternehmerinnen in den Fokus zu stellen, sondern ganz ‚normale’ Frauen aus allen Bereichen. Das ist schön, weil man dadurch Frauen Raum gibt, die nicht ständig zu irgendwelchen exklusiven Dinner oder Talks eingeladen werden. Wir wollen einen Raum schaffen für Frauen, die nicht im Rampenlicht stehen, aber trotzdem etwas zu erzählen haben. Der internationale Aspekt macht Her für mich ebenfalls besonders. Man ist bei den HERS immer willkommen, wenn man den richtigen Spirit mitbringt. Egal, wo auf der Welt man gerade ist.

Was ist der nächste Schritt?
Es wird bald eine App für alle HER-Member geben, die dann mittelfristig auch für andere Frauen zugänglich ist. Sie nennt sich „HON“ – HER Global Online Network und ist so eine Art Female-Linkedin, aber es geht eben um Dich und Deine Story und nicht um Deinen Lebenslauf. Ebenfalls gegründet von Aleksandra Avli. Das Netzwerk soll eine digitale Plattform sein, wo sich alle Mitglieder vernetzen können.


Titelbild und Fotos im Slider: irisvonarnim.com
Foto von Birgit Amelung: jakes.de