Modemuffel Deutschland Ein Blick in die Vergangenheit

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Mode ist in Deutschland ein schwieriges Thema. Während Kunst und Musik unter den Kulturbegriff fallen und auch in Deutschland ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft ist, wird die Mode immer noch außen vor gelassen. Aber warum ist das so?

In Sachen Mode bildet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich das Schlusslicht. Es fängt schon mit den Modeschulen an: Die wohl bekannteste weltweit ist die Central Saint Martins in London. Kein Wunder, schließlich wurden hier Modedesigner wie Alexander McQueen, John Galliano und Stella McCartney ausgebildet. Aber auch die Modeschule Esmod in Paris hat einen sehr guten Ruf und gehört zu den begehrtesten Ausbildungsstätten. Umso erschreckender ist es, dass im Oktober 2017 offiziell die Schließung der Esmod-Hochschule in Berlin bekannt gegeben wurde. Ist das ein Zeichen dafür, dass Deutschland immer noch nicht bereit ist für die Mode?

In Deutschland gibt es um die 110 Hochschulen und Universitäten, die einen Studien- oder einen Ausbildungsgang im Bereich Modedesign anbieten. Allerdings fehle diesen deutschen Schulen eine internationale Konkurrenzfähigkeit, so Dandy Diary. Es sei wichtig, deren Struktur aufzubereiten, um Deutschland mit dem Standort Berlin eine relevante Rolle in der Modebranche zuzuschreiben. „Es mangelt an Lehrkräften wie der Central-Saint-Martins-Legende Louise Wilson, die eine ganze Armada an jungen Designern beeinflusste und ihnen dabei half, den Mode-Olymp zu erklimmen“, so das Statement auf dem Männermode-Blog.

Auffällig ist aber auch, dass die meisten Deutschen gar nicht wissen, was es für ein vielfältiges Spektrum an Jobangeboten in der Modebranche gibt. Wenn man etwas mit Mode zu tun hat, entwirft man automatisch Klamotten – ein weit verbreitetes Vorurteil. Auch die Modestudentin Kim Ruda hat mit solchen Vorurteilen zu kämpfen. Sie studiert an der AMD in Berlin Modejournalismus und Medienkommunikation. „Die erste Reaktion der Leute ist immer  Verwirrung“, so die Studentin. Eine beliebte Frage sei unter anderem auch, was man denn später überhaupt beruflich erreichen könne. „Meine Mutter hat sich anfangs auch Sorgen darum gemacht, wie meine Chancen auf einen sicheren Job und vor allem auf ein sicheres Gehalt sind“, erzählt die 22-Jährige. Nur ein weiteres Indiz dafür, dass die meisten Deutschen schlichtweg wenig über die Modebranche und ihr Potenzial wissen.

„In den Köpfen der Deutschen ist noch immer der Glaube verankert, dass man es nicht nötig hat, sich auffällig zu kleiden, wenn man ein wirklich guter Mensch ist“, äußert sich die Modetheoretikerin Diana Weis gegenüber der Frankfurter Rundschau im Januar kurz vor der Fashion Week in Berlin. „Das macht man nur, wenn man einen schlechten Charakter zu verdecken oder sonst nichts zu bieten hat.“ Diana Weis beschäftigt sich als freie Autorin mit den Themen Mode, Schönheitsnormen und Identität. Außerdem unterrichtet sie als Dozentin an der AMD die Fächer Modetheorie, Ästhetik sowie Kunst- und Kostümgeschichte.

„‚Die deutsche Frau schminkt sich nicht‘ – diese Ideen gab es schon im 19. Jahrhundert“, erklärt Diana Weis weiter. Frauenzeitschriften hätten schon damals zu Schlichtheit geraten. Aber auch die Zeit des Nationalsozialismus habe ein Aufleben der Mode in Deutschland verhindert. Aus wirtschaftlicher Hinsicht bremste vor allem auch die Verfolgung der Juden aus Deutschland die Weiterentwicklung der  Modebranche. Die hauptsächlich aus Osteuropa stammende Minderheit besaß den Großteil der Nähateliers, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin und Umgebung entstanden sind. Für die Mode bedeutete dies der endgültige Untergang. „Für die Branche und das Modeverständnis in Deutschland spielt heute noch immer eine Rolle, dass die Modeszene, die es vor dem Zweiten Weltkrieg durchaus gab, nie wieder auf die Füße gekommen ist“, sagt Weis.

Obwohl sich die Modebranche nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu regenerieren schien, wurde 1961 mit der Errichtung der Berliner Mauer ein Wiederaufleben einer deutschen Designszene verhindert. Es war ein wichtiges Jahrzehnt in der Mode: In Paris wurde die Haute Couture von der Prêt-à-porter abgelöst, in London wurde zu dieser Zeit der Minirock geboren. Tja, und in Deutschland? Da tat sich eben nicht viel in der High Fashion.

Es ist ja aber nicht so, als würde es an talentierten deutschen Designern mangeln. Aufstrebende Modelabels werden in Deutschland aber einfach nicht ernst genommen. Viele Berliner Designer sind in der High Fashion erfolgreich – aber kaum ein Deutscher kennt ihren Namen. Grund dafür ist, dass die meisten deutschen Designer im Ausland, vor allem in Japan, ihren Erfolg feiern dürfen.

Da stellt sich nun aber die Frage, warum Themen wie Sport und Autos keineswegs belächelt werden oder als unwichtig gelten. Die Tagesschau ist der beste Beweis: Die letzten ein, zwei Minuten werden dem Thema Sport gewidmet. Warum? Es interessiert uns Deutsche einfach. Oder?

Tatkräftige, finanzielle Unterstützung finden diese „Männerthemen“ vor allem in der Wirtschaft und Politik. Erscheint die Bundeskanzlerin beispielsweise zu einem „äußerst wichtigen“ Fußballspiel, wird das zu großer Wahrscheinlichkeit der Aufmacher fast aller Tageszeitungen am darauffolgenden Tag. Setzen sich Politiker aber mit Themen wie Mode auseinander, wird dies meist belächelt.

Aber es gibt einen Lichtblick. Die Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries äußerte sich im vergangenen Jahr anlässlich der Berliner Fashion Week gegenüber Die Welt wie folgt: „Die meisten Kreativen werden in Deutschland ausgebildet, aber wandern dann oft ins Ausland ab. Wir müssen es schaffen, einen neuen Ruf für den Modestandort Deutschland zu begründen.“ Dass Mode in Großbritannien von der Regierung seit Jahren unterstützt wird, zeigen die Royals stets mit ihren öffentlichen Auftritten in makellosem Kostüm und Anzug. Selbst die 92-jährige Queen Elizabeth II. hat sich dieses Jahr die Londoner Fashion Week in der ersten Reihe neben Anna Wintour angeschaut. Zu komisch wäre es, sich Angela Merkel neben Christiane Arp auf einer Modenschau vorzustellen. Aber auch nur, weil wir Deutschen es eben nicht kennen und vermutlich auch nie damit rechnen würden.

Mit der Gründung des Fashion Council Germany vor drei Jahren wurde ein kleiner Schritt in die richtige Richtung getan: Sein Ziel ist es, deutsches Modedesign als Kultur- und Wirtschaftsgut zu etablieren. Das heißt also, der Designnachwuchs muss gezielt gefördert werden. Na, dann mal los.


Foto: Franziska Michel via Fashion Street Berlin