Nils Frahm – Musik als berührende Sprache In der Klassikwelt ist Nils Frahm bereits ein internationales Phänomen. Dieses Jahr ging er mit seinem neuen Album „All Melody“ auf Tour. Vier Tage in Folge gab er auch Konzerte im Funkhaus in Berlin. Alle Abende waren bis auf den letzten Platz ausgebucht. Seine Musik ist erfüllt von seinen Emotionen und erreicht deshalb so viele Menschen.

Nils Frahm (c) Alexander Schneider

Ein dunkler großer Raum. Geflüster erfüllt den Saal im Berliner Funkhaus, eine Arena ohne Bestuhlung. Die Bühne ist der tiefste Punkt im Raum, und die Zuschauer sitzen eng gedrängt auf den Treppen und auf dem Boden. Ein helles gelbes Licht strahlt auf die Instrumentenlandschaft: ein altes Klavier, ein Harmonium, Mikrofone, Boxen, Regler, Synthesizer und wie zwei Monumente stehen ein schwarzer Flügel und eine selbstgebaute Orgel daneben. Es gibt keine Absperrungen. Wie in einem Museum bewahren die Gäste aus Respekt einen Abstand zu seinem Kunstwerk, das durch zahllose Kabel miteinander vernetzt ist.

Es ist so leise, dass man selbst das Abstellen einer Gasflasche auf dem Boden hört. Nils Frahm kommt herein. Schlicht gekleidet erscheint der Künstler, wegen dem viele sogar aus England und Frankreich angereist sind, im schwarzen T-Shirt mit schwarzer Hose. Nils Frahm tippelt die Treppen herunter. Leise wie Regen erklingt seine feine Stimme aus der Mitte des Raumes, freundlich, gedankenvoll. Jeder ist von dieser flüsternden Stimme gebannt. Nils Frahm ist ein ungewöhnlicher Musiker. Er lebt nur für die Klänge. Der Lärm des Ruhms ist ihm eher unangenehm. In den letzten zwei Jahren nahm er eine Auszeit. „Um den Luxus zu leben, vergessen zu sein“, wie er im Magazin The Economist erklärte. Er wollte „wieder den Hunger finden in einer Gesellschaft, die alles hat.“ Dieses Jahr kehrte er zurück mit seinem neuen Album „All Melody“.

Er begeistert seine Zuschauer sogar mit den Klängen einer Klobürste, die er über die Saiten eines Flügels zieht. Nils Frahm sucht nicht die glanzvolle Inszenierung. Bei seinen Auftritten ist er nur den Instrumenten und der Musik zugewandt. Im Sinne der Bauhaus Idee verzichtet er auf Dekoration. Er spielt mit geschlossenen Augen. Mal ganz ruhig, mal mit schaukelnden Körperbewegungen, als käme der Rhythmus aus ihm heraus.

Grundlage und Ausgangspunkt seiner Musik sind Variationen auf Piano, Klavier und Orgel, die dann von Synthesizern in Schleifen und Loops zu Klangteppichen ausgebaut werden, improvisiert mit fein gesetzten Einzeltönen. Die einzelnen Tastenanschläge sind in jedem Moment Ausdruck seiner Gefühlslage. Warme Töne, freundlich, poetisch, nachdenklich. Dann wieder eilig, schnell, aber nie aggressiv. Ein magischer Klangraum, meditativ und sprechend zugleich. In den Echoschleifen des Synthesizers glaubt man menschliche Stimmen zu hören. „Says“ ist deshalb nicht umsonst einer seiner Musiktitel.

Sein Spielen ist wie Reden.  „Man braucht Musik, weil die Sprache in bestimmten Momenten einfach versagt und wir aber dieses unglaubliche Bedürfnis haben zu kommunizieren“, sagt er in einem Interview in Metropolis. Die Klänge kommen aus der Stille und verschwinden dort auch wieder. Leise wie eine Maus tippelt er auf seinen Turnschuhsohlen hin und her. Zwischen den verschiedenen Tastaturen, immer auf der Suche nach dem richtigen Klang, dem richtigen Ausdruck. Einfühlsam, ganz der Musik zugewandt. Während die Hände über die Tastatur gleiten, schlüpft er plötzlich aus seinem Schuh und gibt den Takt im Strumpf an.

Zur Erweiterung seiner Kommunikation mit Musik gehört auch die fortwährende Weiterentwicklung seiner Instrumente. In einem Interview im Magazin Metropolis fällt der bemerkenswerte Satz: „Wenn ich zuhause immer nur auf meinen Klavieren spiele, dann sind die irgendwann quasi leergespielt. Das Bauen von Instrumenten ist für ihn auch der Weg zu neuem musikalischem Ausdruck. Er kombiniert das Klavier mit Synthesizer. Unterstützt vom erfahrenen Lettischen Instrumentenbauer David Klavins. Das „Klavins 450“, ein senkrecht gestellter Flügel von viereinhalb Meter Höhe, wurde als zweistöckiges Instrument entwickelt. Ähnlich wie bei einer alten Kirchenorgel wird auf einem erhöhten Plateau gespielt, einer Empore, die über eine Leiter erreicht wird. Das Klavins 450 wiegt über eine Tonne und ist kaum noch transportierbar. Entscheidend ist der Klang. Die längste Seite misst fast vier Meter. Gemeinsam mit Klavins entwickelte er auch das Klavier „Una Corda“, bei dem für jeden Ton nur eine Saite verwendet wird.

Nils Frahm wurde 1982 in Hamburg geboren. 2008 gründete er das „Durton Studio“, wo er als Produzent und Komponist arbeitet. Sein erstes Instrument waren Bongos, also zwei Trommeln aneinandergebunden, Bong und Go. Als Kind begann er früh Klavier zu spielen. Seine Ausbildung absolvierte er in klassischer und zeitgenössischer Musik, geleitet durch Lehrer wie Nahum Brodski und seine Klavierlehrerin Karin Gerken, die ihm sein erstes E-Piano von Fender schenkte.

Seine Musik ist Ambient, Elektro, und Neo-Klassik in einem. Er tritt hinter sie zurück. In seiner Wahlheimat Berlin pflegt er sein ganz eigenes Ritual. Wenn es dunkel wird und das Nachtleben erwacht, zündet sich Frahm eine Kerze an und setzt sich an das Klavier. Bis zu drei Stunden spielt er für sich. Während diesen Nachtsessions nimmt er die Klänge auf und sucht sich anschließend die besten Musik-Sequenzen heraus. „Das ist für mich wie ein Gottesdienst“, sagte er gegenüber dem Neon Magazin.

Wie bei einem Gottesdienst geht auch sein Auftritt nach zwei Stunden zu Ende. Ein donnernder Applaus und zwei Zugaben folgen. Sein Abtritt ist schnörkellos. Das nasse Gesicht wischt er sich mit dem Handtuch ab. Mit der Hand am Herz folgt eine Verbeugung, dann verlässt Nils Frahm die Bühne, so bescheiden, wie er auch gekommen ist.