Princess Nokia Wie scharfer Feminismus und Individualität zu einem eigenen Musikgenre wurden

Princess Nokia bringt Feminismus, Oldschool-Hip-Hop und wortgewandte Lyrik auf einen Nenner. Ihr bekanntester Titel Tomboy öffnete 2016 die Pforten für eine neue, queere Rap-Welle.

Die gebürtige New Yorkerin entspricht nicht dem klassischen, kommerzialisierten Schönheitsideal. Ohne BH und mit Baggy-Jeans zeigt sie sich am liebsten in ihren Musikvideos. Speziell in der Rapszene gibt Princess Nokia ein seltenes Bild ab – das einer selbstbewussten, jungen Frau, die mit einem Joint in der Hand vielen Rappern in einer Männerdomäne ein Dorn im Auge ist. Sie selbst spricht von ihren „little titties and fat belly“ und ihrer Androgynität.  Aufgeblasene Silikon-Bräute à la Nicki Minaj können bei dieser Frauen-Power nicht mithalten.

Destiny Frasqueri, so lautet Nokias richtiger Name, wusste schon immer, dass sie anders ist. Sie wuchs in Spanish Harlem, in der Bronx und der Lower East Side von New York auf, kam nach dem Tod ihrer Mutter in verschiedene Pflegefamilien und Schulen und lernte von klein auf, sich durch das Leben zu boxen. „Vor allem als Mädchen mit nigerianischem und portorikanischem Hintergrund kann es einem im Ghetto schon mal schwergemacht werden“, erzählt die 25-Jährige in einem Interview. Diesen Außenseiter-Status glorifiziert sie in ihrem Album 1992. Stolz bezeichnet sie sich als Tomboy, Bruja (Hexe), Feministin und queere Frau, die sich nicht unterdrückt fühlt, sondern viel eher stark durch ihre eigene Komplexität.

Nokias Interesse an afro-amerikanischer Literatur, Kemetismus und Santería-Ritualen ist ebenfalls grundlegend für ihre außergewöhnlichen Texte und für ihr emanzipiertes Frauenbild, das sie durch ihre Musik vermittelt. Mittlerweile gilt Princess Nokia als Vertreterin einer Bewegung, die es Frauen erlaubt, sich in ihrer eigenen Haut wohlzufühlen und sich als sie selbst wertzuschätzen. In heutigen Zeiten des Feminismus-Hypes gelangt man schnell in die Kontroverse. So gut wie jede Frau bezeichnet sich mittlerweile als Feministin, ohne den eigentlichen Hintergedanken dieser Bewegung zu verstehen oder zu leben. Aussagen wie „The future is female“ oder „Believe in your female energy“ gingen in den letzten Monaten viral und wurden tausendfach durchdiskutiert bis sie letztendlich an Ernsthaftigkeit verloren. Die eigentliche soziale, gesellschaftliche und politische Relevanz verlor sich in einem Trend. Aus dem einfachen Wunsch nach Gleichberechtigung entwickelte sich vermeintlicher Pseudo-Feminismus und Männerhass. Stellungnahmen wurden immer pauschaler, immer vorsichtiger aus Angst vor Zurechtweisung. Davon lässt sich Destiny Frasqueri aber nicht beeindrucken. Sie pfeift auf politische Korrektheit und lässt sich ihre große Klappe nicht verbieten. „Bei meinen Konzerten will ich Frauen in den ersten Reihen sehen“, schreit sie in das Mikrofon und fordert das männliche Publikum auf, den weiblichen Fans Platz zu machen. „Ich bin eine eloquente, wortgewandte, gebildete Frau und ich habe nie meine Stimme gedämpft, weil meine Kultur etwas Besonderes ist.“

Frasqueri wusste schon als Kind, dass sie eines Tages Teil der Musikszene sein wird. Und obwohl sie als Teenager ausschließlich Punkmusik hörte, wurde sie im Erwachsenenalter zu einer Hip-Hop-Legende. Nokia sind musikalisch keine Einflussgrenzen gesetzt: Oldschool-Beats, Soul, lateinamerikanischer Folk bis hin zu modernem Trap-Rap. Sie schafft eine harmonische Komposition aus verschiedensten Stilen. „Musik macht es mir möglich, das Ghetto in mir am Leben zu erhalten“, sagt sie. Denn trotz vieler Widrigkeiten ist Frasqueri stolz auf ihre Herkunft und darauf, auf diese Weise aufgewachsen zu sein. Im April 2018 veröffentlichte sie ihre neue EP A girl cried red in Anlehnung an ihre frühe Jugend. Themen wie Depression und Selbstfindung spielen dabei eine enorme Rolle. In mehreren Interviews gibt sie zum Besten, dass sie ihre Vergangenheit nicht bereut und alle Geschehnisse notwendig waren, um sie zu dem starken, selbstsicheren Menschen zu machen, der sie heute ist. Aufgrund dieser authentischen Haltung können sich viele junge Leute mit ihren Texten identifizieren. Sie fühlen sich ermutigt und bestärkt in ihrem Sein und haben ein Vorbild gefunden, das von klassischen gesellschaftlichen Konventionen absieht.

Man könnte meinen, dass Princess Nokias Diskografie einzelne Abschnitte ihres Lebens musikalisch festhält: angefangen bei der Punk-Phase ihrer Jugend bis hin zu ihrer Hingabe für Hexenkultur. Durch ihre bodenständige Art und ihre subkulturellen Interessen verkörpert sie eine nahbare Erscheinung für ihre Fans, die sich dadurch mit der Rapperin verbunden fühlen. Wenige Musiker schaffen es, authentisch zu sein und mit Gesellschaftskritik eine breite Masse zu begeistern. Mit ihre Texten trifft sie eine Aussage. Princess Nokia ist die feministische Rapperin, die jeder kennen sollte.


 

Alle Fotos von: Kristina Bakrevski (www.kristinabakrevski.com)