Studieren in Antwerpen Ein Interview mit einer ehemaligen Studentin der Royal Academy of Fine Arts.

Ende April wurde ein Artikel auf Business of Fashion veröffentlicht, der die Modehochschule in ein schlechtes Licht rückt. Ausgehend vom Suizid eines Studenten ist die Rede von Depressionen und Drogenmissbrauch. Auch die Lehrmethoden der Professoren werden zunehmend infrage gestellt. Petra Dudea studierte bis zum Sommer letzten Jahres Modedesign an der Royal Academy. Nach einigen Sinnkrisen entschied sich die 26-Jährige dazu, in ihr Geburtsland Rumänien zurückzukehren und dort ein Medizinstudium anzufangen. Hier erzählt sie ihre Sicht der Dinge.

writingaboutfashion: Wann hast du entschieden, Modedesign zu studieren?

Petra Dudea: Ich war schon immer gut im Zeichnen. So gut, dass ich in die Hochbegabtenförderung aufgenommen wurde. Ab und zu habe ich auch meine Werke ausgestellt und bei Wettbewerben mitgemacht. Da ich aber von vielen Künstlern gehört habe, dass sie davon nicht leben können und auf jeden Fall einen zweiten Job brauchen, war für mich die Sache mit der reinen Kunst schnell erledigt. Eine andere Alternative war die Mode. Sie ist einfach eine der weltweit größten Industrien, da gibt es Jobs. Es war aber nie mein Traum, Modedesignerin zu werden. Ich habe eher darüber nachgedacht, was ich für Skills habe und was ich später mit diesen Skills erreichen kann.

Warum hast du dich für die Royal Academy of Fine Arts entschieden?

Ich wusste, dass es eine der besten Universitäten ist und auch nicht zu teuer, da sie staatlich ist. Meine erste Wahl wäre die Central Saint Martins in London gewesen, da war ich aber leider zu spät dran.

Was hat dir am besten gefallen?

Am besten hat mir die Erfahrung gefallen. Die Royal Academy ist wie eine Art Boot-Camp, alles ist sehr streng geregelt. Die Universität ist wie eine Blase, eine ganz eigene Welt. Aber ich habe so viel über mich selber gelernt. Wenn ich mal Kinder habe, schicke ich alle an diese Uni – auch wenn sie nicht in den Bereich Mode gehen wollen.

Gab es Probleme in deinem Studium?

Es gab sehr viele Probleme. Am Anfang wusste ich nicht, was Design überhaupt ist. Obwohl wir dreimal die Woche Designunterricht bekommen haben, wurde uns nie erklärt, was gutes Design ausmacht. Die Professoren haben uns nur gesagt, ob das, was man abliefert, gut oder schlecht ist – ohne Begründung. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll. Im Laufe des ersten Jahres gab es irgendwann gab es bei mir einen Wendepunkt. Ab da hat es einfach funktioniert, ich kann aber nicht sagen, was genau es war.

Werden Studenten unterschiedlich behandelt?

Auf jeden Fall. Wenn die Professoren dich mögen, dann mögen sie dich halt. Ich hatte es relativ einfach, denn ich war immer offen. Aber die Professoren spielen schon „Mind- Games“ mit dir. Jeder Professor hat einen Lieblingsstudenten, die anderen machen sie fertig. Meiner Meinung nach ist das aber alles nur Schauspiel. Die Studenten sollen dadurch einfach mehr an sich arbeiten.

Werden die Studenten in ihrer Kreativität ausgebremst?

Das kommt auch wieder auf den Einzelnen an. Ich wurde immer in meiner Kreativität gefördert. Wenn ihnen jede Woche gesagt wird: „Das ist nicht gut“, können manche nicht mit dem Druck umgehen. Viele sind sehr sensibel und kommen mit Kritik nicht klar. Aber auf Kritik stößt man die ganze Zeit. Das ist meiner Meinung nach aber gut. Man soll und will ja auch besser werden.

Es kommt immer wieder der starke Drogenmissbrauch der Studenten an der Royal Academy of Fine Arts zur Diskussion. Was sagst du dazu?

Das mit den Drogen habe ich noch nie gehört. Keiner meine Freunde hat Drogen genommen, um für die Uni wach zu bleiben. Die haben vielleicht rumexperimentiert, aber nicht, um dem Druck im Studium standzuhalten. Das ist doch lächerlich.

Oft hört man von Studenten, dass ihnen gesagt wurde, ihre Arbeit sei nutzlos. Hast du das auch gehört?

Nein. Ich habe nie mitbekommen, dass Professoren gesagt haben, die Arbeit eines Studenten sei nutzlos. Sie sagen einem aber ehrlich, wenn sie dich nicht als Designer sehen. Vielleicht ist das nicht nett, aber wenigstens ehrlich. Bam, real talk eben. Das finde ich besser so.

Würdest du die Akademie weiterempfehlen?

Ja, ich würde auf jeden Fall diese Uni weiterempfehlen. Du brauchst krasse Nerven, aber es lohnt sich. Wenn du an deiner Person, deiner Kunst und deiner Ästhetik arbeiten willst, dann auf jeden Fall.

Welchen Einfluss hat der Leiter des Modebereichs Walter Van Beirendonck auf die Studenten und ihre Zukunft in der Modebranche?

Ich weiß nicht, ob er einen Einfluss auf die Karriere der Studenten hat. Aber generell hat er einen starken Einfluss auf deren Arbeit. Walter werde ich nie vergessen. Er ist ein taffer Typ, manchmal ein bisschen emotionslos. Aber jedes Mal, wenn er hart zu mir war, hat es mich weitergebracht. Und deswegen kann ich nichts Schlechtes über ihn sagen.

Du hast dich von der Mode mehr oder weniger abgewandt und studierst jetzt Medizin in Rumänien. Warum?

Ich liebe diese Frage – ich muss sie jeden Tag beantworten. Mit der Zeit dachte ich mir immer öfter, dass ich in meinem Leben noch etwas Wissenschaftliches studieren möchte. Das Medizinstudium ist jetzt eine Art Experiment. Es ist etwas ganz anderes als Modedesign zu studieren: Wenn du lernst, bestehst du. Wenn du viel lernst, kriegst du super Noten. An der Royal Academy war es anders. Du hast dir den Arsch aufgerissen und es konnte dennoch sein, dass du nicht weiterkommst – und du weißt einfach nicht warum. Es erklärt dir auch niemand.

Dass der Druck in der Modebranche hoch ist, ist bekannt. Ist das einer der Gründe, warum du dich abgewandt hast?

Nein, das ist nicht der Grund. Ich liebe Druck. Ich will auf jeden Fall immer etwas in meinem Leben haben, das mich stresst. Ich kann voll gut unter Druck arbeiten.

Was sollte sich an der Royal Academy verändern?

Die Professoren denken ein wenig zu „old fashioned“. Ich habe beispielsweise gern meine Designs bzw. meine Konzepte ironisch und witzig gestaltet. Viele Professoren habe das aber nicht verstanden. Die Professoren sollten einfach vielfältiger denken. Jeder sollte machen dürfen, was er möchte.

Was noch?

Außerdem sollten die Studenten besser auf die Arbeitswelt vorbereitet werden. Ich denke, Workshops wären wirklich hilfreich. Wie funktioniert es, wenn man sein eigenes Label starten will? Was muss man beachten? Der Businessteil fehlt an der Royal Academy total. Mode als Kunst steht an der Universität vollkommen im Fokus, alles andere wird nicht ausreichend beleuchtet. Auch hätte ich mir gewünscht, dass wir mehr über Textiltechnologie gelernt hätten. Dass wir beigebracht bekommen, welche Stoffe es gibt und wie man mit diesen Stoffen richtig arbeiten kann. Auch wenn es um Schuhe und Taschen ging, die wir in eine Kollektion einbauen sollten, wurden wir mehr oder weniger allein gelassen.

Kannst du dir vorstellen, jemals wieder in die Berufswelt der Mode zurück zu kehren?

Es hat mir immer mehr gefallen, für mich selbst zu designen als für andere. Ein eigenes Label würde für mich aber trotzdem nicht infrage kommen. Es gibt schon zu viele auf dem Markt. Ich könnte mir auch vorstellen, bei einem Magazin als Stylistin zu arbeiten.
In der näheren Zukunft möchte ich eine Entscheidung treffen, ob ich jetzt das Medizinstudium durchziehe oder nicht. Und wenn nicht, dann geht es zur Mode zurück.


Foto: Petra Dudea