Traditionsretterin Isabell de Hillerin schlägt der Modeindustrie ein Schnippchen...

Sie ging nach Rumänien, um schnell ein paar Stoffe zu besorgen und kam zurück mit einer Mission. Die Designerin Isabell de Hillerin verwendet in ihren Kollektionen ausschließlich handgefertigte Materialien, die in kleinen Betrieben in ihrer Heimat produziert werden.

Es ist beruhigend zu wissen, dass es noch Designerinnen wie Isabell de Hillerin gibt. Sie hält nichts von der Schnelllebigkeit der Modeindustrie und der damit verbundenen Hektik. Stattdessen hält sie inne und nimmt sich Zeit für ihre Arbeit. Massenproduktion und Polyester ersetzt sie durch traditionelles Handwerk und Biobaumwolle. In kleinen Betrieben auf dem rumänischen Land und in Moldawien entstehen auf alten Webstühlen die Stoffe und Stickereien für ihre Kollektionen. Fachkräfte, die dieses traditionelle Handwerk noch beherrschen, waren jedoch nicht leicht zu finden.

Erinnerungen aus ihrer Kindheit führten sie zurück nach Rumänien, wo sie nach handgefertigten Stoffen suchte. Obwohl sie dort nicht aufwuchs, ist das Land wie eine zweite Heimat für sie. Jedes Jahr verreiste sie mit ihren Eltern, die noch in Rumänien geboren und gelebt hatten, nach Bukarest. Sie glaubte, dort die Stoffe für ihre Abschlusskollektion an der Uni problemlos auf einem Markt kaufen zu können. Dort angekommen fand sie jedoch nicht, wonach sie suchte. „Es hat mich so gefuchst zu sehen, dass dieses Handwerk fast ausgestorben ist“, sagt de Hillerin heute. Also suchte sie nach Spuren einer fast toten Tradition. Sie recherchierte viel und machte sich schließlich auf zu einem Roadtrip durch Rumänien. Sie klapperte Dorf um Dorf ab. Nach vielen Stunden im Auto und vielem Nachhacken traf sie auf ältere Frauen auf dem Land, die diese Webkunst noch zu Hause als Hobby ausübten. Mittlerweile arbeitet de Hillerin mit einigen dieser Frauen zusammen. Sie hat mit der Hilfe eines EU-geförderten Projekts ihre Produktion sogar auf das Nachbarland Moldawien ausgeweitet, da dort noch handgemachte Stickereien gefertigt werden, die es in Rumänien nicht mehr gibt.

Sie erschafft damit nicht nur einzigartige Designerstücke, sondern unterstützt auch die Frauen in den ländlichen Regionen von Moldawien und Rumänien. Es scheint, als hätte de Hillerin eine bleibende Veränderung in diesen Orten bewirkt. Durch das große Interesse der Medien beschlossen die Frauen in den Webereien Workshops zu veranstalten, um das Handwerk an kommende Generationen weiterzugeben. Anfangs besuchte sie die Webereien mehrmals im Jahr, zu vielen der Frauen hat sie inzwischen ein sehr enges Verhältnis. Für die Produktion von drei bis sechs Meter Stoff benötigen ihre Mitarbeiterinnen ungefähr eine Woche. Die Liebe zum Detail sieht man den fertigen Stücken an. Trotz aller Tradition schafft es de Hillerin, dass die von ihr entworfenen Kleidungsstücke nicht nach überladener Folklore aussehen. Durch gedeckte Farben und gerade Schnitte übersetzt sie traditionelle Muster in die Moderne. Klassisch, aber nicht langweilig. Erwachsen, aber nicht spießig. „Man hat viele Möglichkeiten, mit den Stickereien und Mustern zu spielen. Ich wandle sie immer ein wenig ab oder drapiere sie anders. Das ist der größte Spaß an meiner Arbeit“, sagt sie über ihre Designs.  So entstehen weit ausladende Mäntel, taillierte Hosen und lange Roben mit romantischen Stickereien.

Der Erfolg ihres Labels ist wohl
mit ihrer einmaligen Hingabe
zur Tradition zu erklären, auf dieviele Käufer schon ganz am Anfang ihrer Karriere aufmerksam
wurden. „Ich habe die Entscheidung, ein eigenes Label zu gründen, gar nicht bewusst gefällt.
Ich bin da ehrlich gesagt hineingerutscht“, sagt sie über ihre Karriere. Schon in der Schule belegte sie Schneiderkurse und interessierte sich für Mode. Vor ihrem Studium in Barcelona machte sie in ihrer Heimatstadt München viele Praktika, unter anderem bei Cosmopolitan. Doch letzten Endes war es sicher, dass sie selbst die Kleider fertigen wollte, statt darüber zu schreiben. „Ich wusste von klein auf, dass ich etwas Kreatives machen möchte“, sagt sie. Nach dem Abschluss an der Modeuniversität Felicidad Duce in Barcelona bekam sie 2009 die Möglichkeit, ihre Abschlusskollektion bei der Berliner Eco-Messe thekey.to auszustellen. So viele Käufer waren auf Anhieb begeistert von de Hillerins Arbeit, dass die gebürtige Münchenerin beschloss, ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin zu verlegen. Seitdem zeigt sie ihr Kollektionen jährlich bei der Berliner und der Pariser Fashion Week. Im letzten Jahr war es etwa still um die sympathische Designerin. 2016 wurde ihr Sohn geboren, dem sie sich ein Jahr ausschließlich gewidmet hat und deswegen die Arbeit für das Label pausieren ließ.

Dieses Jahr will sich de Hillerin wieder in den Designersattel setzen. Allerdings plant sie, einige Änderungen an dem Label vorzunehmen. Sie möchte nicht mehr zwei Kollektionen im Jahr fertigstellen, sondern sich auf eine Einzige konzentrieren. Damit möchte sie ihren Fokus noch stärker auf Nachhaltigkeit setzen. „Ich möchte keine Kleider designen, die schon in der nächsten Saison wieder out sind“, erzählt sie. Egal, was die Designerin plant, wir können uns in diesem Jahr auf noch mehr feminine und elegante Stücke von jemanden freuen, der Traditionen schätzt und weiß, wie man diese nachhaltig in unsere Zeit transportiert.