Ugly Fashion wird zu High Fashion Der Hype um Vetements, Balenciaga und Co.

Foto: Daniel Adesina via unsplash

Ein Notausgangsschild auf einem High-Heel, eine Berglandschaft wie aus dem Kinderbuch Heidi gedruckt auf einen Wickelrock und Sneakers, die wie Socken mit hässlicher weißer Sohle aussehen ­– die Laufstege der aktuellen Modewochen überschlagen sich geradezu mit ironischen Designs und unverständlichen Kombinationen aus seltsamen Prints und Farben. Der Otto-Normalverbraucher fragt sich nur noch eins: „Wer zur Hölle trägt sowas?“ Ganz offensichtlich liegt Hässlichkeit im Trend, doch wie hat sich dieses Phänomen entwickelt?

Junge Designer wie Gosha Rubchinsky und Demna Gvasalia gelten als Pioniere der Ugly Fashion und haben es sich zur Aufgabe gemacht, frischen Wind in die eingerosteten Traditionshäuser zu bringen. Dass dieser Wind mit einem Hauch Hässlichkeit weht und nicht selten absolutes Unverständnis und Irritationen auslöst, ist ein geschickter Schachzug. Denn in einer Welt, in der die Mode schockieren muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, erfordert es viel Kreativität und Mut, alte modische Richtlinien zu ignorieren und Neues zu wagen.

Foto via Unsplash

Eines der besten Beispiele für diese neue, urbane Mode ist das Streetwear Label Vetements, also „Kleider für die Straße“, das mit seinen hässlichen Entwürfen seit 2014 die Modeszene aufmischt. Mit ihm verbindet man das knallige gelbe DHL-Logo, welches normalerweise das traditionelle deutsche Postunternehmen repräsentiert. Hinter dem siebenköpfigen Pariser Designkollektiv steckt der gebürtige Georgier Demna Gvasalia. Als Gvasalia seine Models auf der ersten Show in Paris im Sommer 2014 in engen Lederstiefeln, die bis zu den Hüften gingen, einem karierten Bleistiftrock und einem einfachen Hoodie über den Laufsteg schickte, eroberte er damit die Blogger- und Expertenherzen und schaffte den internationalen Durchbruch, denn seine Mode schockierte und war etwas ganz Neues. Sie löste die unterschiedlichsten Emotionen bei den Menschen aus. Innerhalb eines Jahres etablierte sich das Label und verwandelte sich zur Street- Uniform für Modeliebhaber und Stars. Ob der quietschgelbe Oversize-Mantel mit DHL- Aufdruck für 2.590 €, den man genauso gut einem DHL-Boten für einen Fünfziger abkaufen könnte, die sündhaft teuren Jeans oder die Sweater, die mit Slogans wie „Ich komm zum Glück aus Osnabrück“ an Ironie nicht zu übertreffen sind ­– wer so ein Teil ergattern will, muss flink sein. Denn nach kürzester Zeit sind die beliebtesten Stücke der Kollektion in Luxus-Online-Stores wie Net-a-Porter ausverkauft.

Auch der russische Designer Gosha Rubchinsky hat sich mit seiner Mode einen internationalen Namen gemacht. Der 33-jährige Fotograf designt russische Streetwear und symbolisiert mit seinen Kollektionen das Aufeinandertreffen von westlichen Einflüssen und dem Stil der ehemaligen Sowjetunion. Weltweit bekannte Marken wie Adidas finden großen Gefallen an dem Russen und initiierten gemeinsame Kooperationen. Das ironische, kreative Spiel mit der Mode ist das Erfolgsrezept des Designers. Seine Inspirationen sind die Normalität des Alltags und der Plattenbau-Charme der russischen Großstädte. Was für andere Leute als hässlich abgestempelt wird, findet er schön. Mit den Worten „Hässlich ist schön, oder?! Wenn etwas hässlich ist, gefällt es uns“, nimmt er seine Anhänger mit in eine Welt voller Improvisation und Leichtigkeit.

Vetements im SOHO-House Berlin

Demna Gvasalia und Gosha Rubchinsky nehmen der Mode die Ernsthaftigkeit und geben ihr das zurück, worauf viele seit Jahren gewartet haben: Unverfrorenheit und Dreistigkeit. Dass diese Einstellung sogar zu Traditionshäusern wie Gucci und Balenciaga übergeschwappt ist, zeigt nur einmal mehr, dass man die Leute nicht länger mit veralteten, konventionellen Designs langweilen kann. Mit dem Wechsel von Alessandro Michele erzielte Gucci in der vergangenen Saison ein Umsatz-Plus von 50 Prozent. Balenciaga arbeitete sich sogar zum aktuellen Titel „Heißeste Marke der Welt“ hoch. Spätestens als Demna Gvasalia in seiner aktuellen Sommerkollektion mit seinen 10 cm hohen Balenciaga-Crocs, die zu allem Überfluss knallig Pink gefärbt und mit bunten Regenbogen und Blumen-Broschen besetzt sind, einen super Hype auslösten und nach kürzester Zeit komplett ausverkauft waren, stellt sich Vielen nur noch eine Frage: Was genau reizt die Modewelt an dieser mit Absicht hässlich gemachten, sündhaft teuren Mode?

Es ist das ironische Spiel mit der Andersartigkeit, das diese Mode so interessant macht. Sie muss schockieren und extrem sein, um in die Köpfe der Menschen zu gehen. In einer Kultur, die von Instagram-Storys und Memes geführt wird, findet die Ernsthaftigkeit in der Modewelt keinen Platz mehr. Nichts langweilt mehr, als „gut“ auszusehen. Das Motto lautet vielmehr „Either go big or go home“, entweder, du riskierst etwas und schlägst vielleicht über die Strenge oder du wirst unsichtbar. „Wir wollen weg von den Konventionen und der Perfektion in der Modebranche. Niemand wartet auf perfekte Styles.“, erklärt Gvasalia in einem Vogue-Interview. Also schwimmen die Designer gegen den Strom der High-End-Fashion und kreieren das, was eigentlich unter die Kategorie Fashion No-Go fällt. Damit erzeugen sie etwas, das vielen Menschen lange gefehlt hat: Spaß an der Mode. Liana Satenstein, Autorin für die Vogue, die seit einigen Jahren zum Thema Ugly Fashion forscht, erklärt das Phänomen so: „Die Leute haben im Grunde Lust, sich hässlich zu kleiden. Es macht Spaß, nicht akribisch darauf achten zu müssen, welches Oberteil zu welcher Hose passt, und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Ugly Fashion wird attraktiv, weil es so ironisch ist, dass es schon wieder Stil und Individualität hat.“

Mit einer gewissen Rebellion, die aussagt „ist mir gleichgültig, was andere von mir denken“, bewegen die jungen Designer die Modewelt und rütteln an den oftmals versteiften, veralteten Konzepten. Man muss nicht immer alles verstehen und darf auch mal absichtlich danebengreifen. Mut zur Hässlichkeit lautet die Devise. Wem das nicht passt, kann immer noch auf Chanel, Ralph Lauren und Zara zurückgreifen.

 

Titelbild: Daniel Adesina via Unsplash