Von Engeln und Dämonen Wahnsinn als kreativen Motor?

Übernatürliche Symbole dienen seit tausenden von Jahren als Inspiration für Künstler und Schriftsteller. Kurz nachdem sich der Designer Alexander McQueen damit auseinandersetzte, nahm er sich das Leben. Sind übernatürliche Erscheinungen also ein Zeichen von Wahnsinn oder handelt es sich lediglich um einen Zufall?

„Angels & Demons“ – so bezeichnete der britische Modeschöpfer Alexander McQueen 2010 seine letzte Kollektion. Die royalen Seidenkleider und dramatische Roben in abstrakten Schnitten sind geschmückt mit barocken Verzierungen und dämonischen Szenen aus Kunstwerken von Hieronymus Bosch und Botticelli. Jedes Stück dieser melancholischen Kollektion ist ein exquisites Meisterwerk, gefertigt mit viel Emotion, was den Designer besser denn je repräsentierte. Für McQueen ist Mode eine Kunstgattung und Ausdruck seiner Träume, Wünsche und Ängste. Nur wenige Wochen nach der Show nahm er sich das Leben.

Waren die Engel und Dämonen in seiner finalen Kreation also ein Vorbote von McQueens plötzlichen Tod? Die Symbolik um Engel und Dämonen beflügelt damals wie heute die Phantasie von Schriftstellern und Künstlern. Viele Menschen berichten von der Erfahrung, die Anwesenheit von etwas Übernatürlichen gespürt zu haben. Wissenschaftler um Olaf Blanke vom Labor für kognitive Neurowissenschaften erklären im Fachjournal Current Biology: „Häufig werden diese Erlebnisse in der Literatur mit göttlichen Wesen, Okkultismen und Fiktionen in Verbindung gebracht. Sind bestimmte Teile im Gehirn beschädigt, können diese Empfindungen durch eine veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers im Gehirn ausgelöst werden.“ Auch die angehende Psychologin Theresa Weiss erkennt einen Zusammenhang: „Schon seit tausenden von Jahren ziehen sich überirdische Motive durch Geschichten und damit durch das kollektive Bewusstsein des Menschen. Engel und Dämonen symbolisieren die Gegenpole des Lebens und könnten somit Anzeichen einer Auseinandersetzung mit seinem Lebensende gewesen sein.“

 Wie viele Künstler spielte McQueen gern mit übernatürlichen Symbolen. Schon Goethe machte sich in seinem weltbekannten Werk Faustdas Zusammenspiel von Himmel und Hölle zu eigen. Der Komponist Robert Schumann kämpfte gegen Engel und Dämonen und in der Bibel ist der Kampf zwischen Gut und Böse ein Bestandteil des Christentums. Blickt man auf die Vergangenheit zurück, erkennt man ein Muster: Picasso, Van Gogh, Beethoven und Michelangelo wurden als wahnsinnig bezeichnet. Sie alle inspirierten sich am Zusammenspiel von Extremen und nutzen Engel und Dämonen als Motive für ihre Werke. Sind diese übernatürlichen Erscheinungen also ein Zeichen von „Wahnsinn“ oder sind sie Musen, die im Einzelfall zu „realen“ Begleitern von außergewöhnlichen Menschen werden? Theresa Weiss erklärt: „Sich mit Engeln und Dämonen zu beschäftigen, ist kein Zeichen von „Wahnsinn“, jedoch schon für Halluzinationen und Realitätsverlust. Der Begriff „Wahnsinn“ ist veraltet. Raserei, Hysterie, Epilepsie, Tollwut und Melancholie sind nur ein Bruchteil von Begriffen, die früher verhaltensauffälligen Menschen zugeschrieben wurde. Heute haben wir ein differenziertes Klassifikationssystem psychischer Krankheiten.“

Der Begriff „Wahnsinn“ tauchte erstmals im 15. Jahrhundert auf und bedeutete ursprünglich so viel wie „ohne Sinn und Verstand“. Schon bei den Babyloniern und alten Griechen wurde er als Besessenheit durch das Böse, wie etwa dem Teufel oder Dämonen, erklärt. Platon unterscheidet zwischen vier Arten von „Wahnsinn“, die nicht nur negativ behaftet sind. Beispielsweise kann der „poetische Wahnsinn“ mit kreativer Inspiration gleichgesetzt werden.

„Ich glaube, Kreativität liegt näher an Wahnsinn und Besessenheit, als wir es wahrhaben wollen“, sagte Wolfgang Joop in einem Interview. Allein in Deutschland leidet jeder fünfte zwischen 18 und 25 Jahren unter seelischen Beschwerden. Laut eines Arztreports der Krankenkasse Barmer stieg die Zahl der Betroffenen in den letzten elf Jahren um 38 Prozent an. Ist ein gewisses Maß an psychischer Störung also die Voraussetzung für ein künstlerisch erfolgreiches Leben?

„Laut einer isländischen Studie sind kreative Menschen zu 25 Prozent anfälliger für Schizophrenie und Manie. Es ist jedoch so, dass eine vollständig entwickelte seelische Erkrankung den Menschen oft daran hindert, sich kreativ auszuleben. Zum Beispiel blockieren Depressionen und Angstzustände Kreativität. Die sogenannte „kreative Bipolarität“ dagegen bezeichnet nur die Tendenz zur Manie und Schizophrenie und kann zu überdurchschnittlicher Kreativität führen“, sagt die Expertin Theresa Weiss.

„Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel verzückt“, so beschrieb Autor E.T.A. Hoffmann den seelischen Zustand seines Protagonisten Nathanael aus dem Klassiker Der Sandmann. Der als wahnsinnig bezeichnete Nathanael wird vom Schicksal der Angst geplagt, was er durch Realitätsverlust und Halluzinationen erlebt. Es wird angenommen, dass der Autor sich selbst im Protagonisten widerspiegelt. Personen, die unter einer bipolaren Störung leiden, werden oft während ihrer Hochphase von einer enormen Ideenflut gesegnet und fallen in eine Art Schaffensrausch. Maler Edward Munch, dessen Kunst als bahnbrechend für expressionistische Malerei gilt, wird eine bipolare Störung attestiert.Sein düsteres Werk Der Schreisoll die Wiedergabe seiner besessenen Situation darstellen. Auch Van Gogh litt unter Wahnvorstellungen und verarbeitete diese Traumata in seinen Werken.  Seine bekanntesten Werke, unter anderem Sternennachtund etwa 60 weitere, entstanden 1890 in nur 60 Tagen.

Was auf den ersten Blick wie ein Segen wirkt, kann oft auch zum Gegenteil und damit zur Selbstzerstörung, wie bei Alexander McQueen, führen. Meist neigen Betroffene in dieser Phase zur Selbstüberschätzung und Größenwahn, der entzogene Schlaf führt zu Halluzinationen und das sprunghafte Denken zu Realitätsverlust. Vieles, was bipolaren Personen in ihrer manischen Phase als genial erscheint, erweist sich im Nachhinein als Reinfall, welcher zur Depression führt. Es ist also ein nie endender Kreislauf zwischen Fluch und Segen.

Womöglich führten bei Alexander McQueen mehrere Faktoren zu seinem überraschenden Tod. Zunächst seine biopolare Erkrankung, der plötzliche Tod seiner Mutter und eventuell ein emotionaler Tiefpunkt nach seiner intensiven Arbeitsphase und seinen zu hohen Ansprüchen an sich selbst. Sieht man die Engel und Dämonen als Sinnbild seiner Krankheit an, welche zuvor im Gleichgewicht standen, überwiegten letztendlich seine inneren Dämonen. Solange das Gleichgewicht aber gehalten wird, stimmt Platons Vermutung: Engel und Dämonen sind wohl die Vertreter der „göttlichen Verrücktheit“.